Die Regulierung künstlicher Intelligenz gehört zu den grössten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Wie Innovation gefördert und gleichzeitig Sicherheit, Transparenz und Verantwortung gewährleistet werden können, ist Gegenstand einer internationalen Diskussion.
Die folgenden Überlegungen verstehen wir als Vorschlag für eine verantwortungsvolle Regulierung künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig entsprechen sie den Grundsätzen, nach denen wir unsere eigenen KI-Lösungen entwickeln und einem entsprechenden Regelwerk sowie einer unabhängigen Zertifizierung unterstellen würden.
Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr:
Wie regulieren wir künstliche Intelligenz?
Sondern:
Wie schaffen wir einen internationalen Qualitätsstandard für den sicheren und verantwortungsvollen Einsatz künstlicher Intelligenz?
Warum die klassische Regulierung künstlicher Intelligenz an ihre Grenzen stösst
Wenn Europa oder andere westliche Staaten strenge Vorschriften erlassen, werden Länder wie China oder Russland ihre Entwicklung voraussichtlich mit deutlich weniger Einschränkungen fortsetzen. Zu starke Regulierung kann deshalb zwar innerhalb des eigenen Rechtsraums wirken, sie verlangsamt jedoch die weltweite Entwicklung nicht.
Im Gegenteil: Sie kann dazu führen, dass Forschung, Investitionen und Innovation in weniger regulierte Regionen abwandern.
Die Frage ist heute nicht mehr, ob künstliche Intelligenz reguliert werden soll, sondern was überhaupt sinnvoll reguliert werden kann.
Die Entwicklung leistungsfähiger ai-Modelle ist längst zu einem globalen Wettbewerb geworden. Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Staaten entwickeln neue Systeme in immer kürzeren Innovationszyklen. Open-Source-Modelle verbreiten sich weltweit und können zunehmend auch lokal betrieben werden. Damit wird eine umfassende Regulierung der Technologie selbst immer schwieriger.
Nahezu jede bedeutende Schlüsseltechnologie – vom Buchdruck über die Dampfmaschine bis zur Kernenergie, dem Internet und der Raumfahrt – hat sich trotz nationaler Regulierungsversuche weltweit durchgesetzt. Reguliert wurde nicht die Technologie selbst, sondern ihre Anwendung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Genau darin liegt vermutlich auch der entscheidende Unterschied für den Umgang mit künstlicher Intelligenz.
Nicht die Entwicklung von
ai wird sich dauerhaft kontrollieren lassen, sondern ihr verantwortungsvoller Einsatz. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb darin, Innovation nicht zu verhindern, sondern sie so einzubetten, dass Transparenz, Sicherheit, Datenschutz, Nachvollziehbarkeit und menschliche Verantwortung gewährleistet bleiben.
Europa sollte nicht die Entwicklung von ai regulieren, sondern ihren Einsatz zertifizieren
Europas Wettbewerbsvorteil könnte in der weltweit vertrauenswürdigsten ai liegen. Nicht durch die Entwicklung der grössten oder schnellsten Modelle, sondern durch einen international anerkannten Qualitätsstandard für Transparenz, Sicherheit, Nachvollziehbarkeit und Verantwortung.
Künstliche Intelligenz ist eine globale Schlüsseltechnologie. Ihre Entwicklung lässt sich langfristig weder national noch regional aufhalten. Solange einzelne Staaten leistungsfähige ai-Systeme entwickeln und fördern, werden andere diesen Fortschritt nicht dauerhaft durch Verbote oder strenge Auflagen verhindern können. Eine zu starke Regulierung der Entwicklung birgt deshalb das Risiko, Forschung, Investitionen und Innovation aus Europa zu verdrängen, ohne die weltweite Entwicklung wesentlich zu verlangsamen.
Europa sollte deshalb einen anderen Weg einschlagen. Nicht die künstliche Intelligenz selbst sollte reguliert werden, sondern ihr konkreter Einsatz. Ähnlich wie bei der CE-Kennzeichnung würde nicht vorgeschrieben, wie ein
ai-System entwickelt werden muss, sondern welche Anforderungen es erfüllen muss, bevor es in sensiblen Bereichen eingesetzt werden darf. Zertifiziert würde nicht das Sprachmodell, sondern das gesamte
ai-System mit seinen Sicherheits-, Kontroll- und Dokumentationsmechanismen.
Eine solche Regulierung könnte auf wenigen, klar definierten Grundprinzipien beruhen:
- ai-Pass (ai Passport): Digitale Identität jedes professionellen ai-Systems mit Modellversion, Verantwortlichkeiten, Einsatzbereich und bekannten Einschränkungen.
- Audit Log: Revisionssichere Protokollierung aller relevanten Entscheidungen, Aktionen und verwendeten Quellen.
- Quellennachweis: Nachvollziehbare Herkunft der Informationen, auf denen Antworten oder Entscheidungen beruhen.
- Verifizierte Wissensräume: Einsatz freigegebener und kontrollierter Datenquellen in sensiblen Anwendungen.
- Rollen- und Berechtigungskonzepte: Zugriff auf Informationen und Funktionen ausschliesslich für autorisierte Personen.
- Unabhängige Zertifizierung: Standardisierte Prüfungen hinsichtlich Transparenz, Datenschutz, Robustheit, Nachvollziehbarkeit, Bias, Cyberresistenz und Sicherheit.
Gerade darin könnte Europas strategische Stärke liegen. Europäische Unternehmen müssten nicht zwingend die leistungsfähigsten Basismodelle entwickeln, sondern könnten weltweit verfügbare Modelle nutzen und diese durch Governance, Sicherheitsarchitektur, Dokumentation und Zertifizierung zu vertrauenswürdigen Lösungen weiterentwickeln.
Ein europäisches Gütesiegel „Trusted ai – Certified in Europe“ würde deshalb nicht die Intelligenz einer ai bewerten, sondern ihre Vertrauenswürdigkeit. Es würde bestätigen, dass ein ai-System definierte Anforderungen an Transparenz, Datenschutz, Sicherheit, Nachvollziehbarkeit und menschliche Verantwortung erfüllt.
Europa würde damit nicht versuchen, die Entwicklung künstlicher Intelligenz zu bremsen, sondern einen weltweit anerkannten Qualitätsstandard für ihren verantwortungsvollen Einsatz schaffen. Innovation bliebe erhalten, während dort Schutz geschaffen würde, wo Risiken tatsächlich entstehen – bei der Anwendung künstlicher Intelligenz.



